Leitung:

Prof. Dr. Reinhard Kapp Universität für Musik und darstellende Kunst Wien

,Das’ Ereignis der musikalischen Moderne. Gustav Mahlers achte Symphonie als Weltanschauungsmusik und integrales Kunstwerk

Die als Event inszenierte Uraufführung 1910 zog europäische Prominenz in Scharen an. Die Symphonie steht für eine ganze Reihe bekenntnishafter Werke, die sich der großen Menschheitsthemen annehmen und auf der Voraussetzung beruhen, dass Musik und Komponist als Instanzen etabliert waren, welche im Seelenhaushalt der Bildungsbürger die religiösen abzulösen vermochten. Mahler hat eine Vokalsymphonie entworfen, die von der Spannung zwischen den vertonten Texten, dem liturgischen Hymnus „Veni creator spiritus“ und einem Schwergewicht der Weltliteratur (Schluss-Szene aus Goethes Faust II) lebt, lateinischem Mittelalter und deutscher Klassik, Gebet und Verkündigung, der aber die Balance zwischen Heteronomie und Autonomie gelingt: Trotz des ,oratorischen‘ Zuschnitts nimmt das Werk seinen Platz in der Geschichte der Symphonie ein. Gewisse Stücke des Kernrepertoires haben Spuren darin hinterlassen, es liefert einen Beitrag zur Lösung des „Finalproblems“ und leistet die Integration der einzelnen Teile mittels einer Gesamtdramaturgie und eines Netzes motivischer Beziehungen. Der Monumentalität in Konzeption und Aufwand steht die individuelle Führung aller Stimmen und die Differenziertheit der Instrumentation gegenüber. Mit all dem hat Mahlers Achte die Zeitgenossen überwältigt und irritiert – sie hat als Komposition und ,monstre sacré‘ weitergewirkt bis heute. Sie spielt ihre Rolle in der Geschichte der Mahler-Rezeption, aber die dokumentierten Aufführungen spiegeln zugleich Tendenzen der allgemeinen Interpretationsgeschichte. – Die genannten Aspekte sollten in der Arbeitsgruppe zumindest thematisiert werden. Am Ende des Kurses geben die Teilnehmer und Teilnehmerinnen Einblick in die gemeinsame Arbeit – durch Präsentation im Rahmen einer offenen Abendveranstaltung sowie in Einführungen zu den beiden Konzerten.

 

TeilnehmerInnen:
Studierende und Promovierende der Musikwissenschaft, Musikhochschulstudierende insbesondere von Lehramtsstudiengängen, Studierende und Promovierende anderer Fächer sowie Interessierte anderer Fachgebiete mit Bereitschaft zur Einarbeitung. Offen für jedes Studienalter sowie für Alumni.

 

Literatur:

Theodor W. Adorno, Mahler. Eine musikalische Physiognomik, Frankfurt/M. 1962, auch in: Gesammelte Werke 13. Die musikalischen Monographien, Frankfurt/M. 1971 (weitere Auflagen bis heute, alle Bände auf CD-ROM: Digitale Bibliothek Nr. 97)

Paul Bekker, Gustav Mahlers Sinfonien, Berlin 1921 (free download https://archive.org/details/GustavMahlersSinfonien)

Christian Wildhagen: Die Achte Symphonie von Gustav Mahler. Konzeption einer universalen Symphonik. Lang, Frankfurt/M. u.a. 2000